Alexander Zverev hat sich mit einer nervenstarken Vorstellung erstmals zum US-Open-Champion gekrönt und seinen zweiten Grand-Slam-Titel gewonnen. Der French-Open-Sieger bezwang den Amerikaner Ben Shelton im Finale mit 6:3, 7:6 (7:2), 5:7, 6:2 und triumphierte als zweiter Deutscher nach Boris Becker 1989 im Männer-Einzel.

Gut drei Monate nachdem er sich in Paris den Traum vom ersten Grand-Slam-Titel erfüllt hatte, vollendete Zverev nun seine herausragende Saison bei einem der vier wichtigsten Tennisturniere. Anders als im verlorenen Wimbledonfinale gegen den verletzungsbedingt fehlenden Italiener Jannik Sinner dominierte der 29-Jährige das Duell mit US-Star Shelton und ließ sich auch von der hitzigen proamerikanischen Stimmung im Arthur Ashe Stadium nicht aus dem Konzept bringen.

Shelton hält dem Druck nicht stand

Vor den Augen von Showgrößen wie den Schauspielern Brad Pitt und Pierce Brosnan sowie Sportstars wie Lindsey Vonn präsentierte sich Zverev in seinem sechsten Grand-Slam-Finale abgeklärt. Nach 3:33 Stunden verwandelte er seinen ersten Matchball. Auf den Tag genau sechs Jahre zuvor war Zverev im US-Open-Finale gegen den Österreicher Dominic Thiem nur zwei Punkte vom Titel entfernt gewesen. Diesmal machte er es dank seiner gewonnenen Erfahrung besser. Nach vier glatten Siegen in Serie gab Zverev zwar erneut einen Satz ab, war in den langen Grundlinienduellen aber der stärkere Spieler.

Der 23 Jahre alte Shelton hielt dem immensen Druck nicht stand und verlor auch das sechste von sechs Duellen mit Zverev. Der Weltranglistenneunte verpasste damit den ersten Grand-Slam-Titel eines männlichen Amerikaners seit Andy Roddick 2003. Zudem wäre er der erste schwarze männliche US-Open-Sieger seit Arthur Ashe 1968 gewesen – die Witwe der Tennislegende verfolgte das Finale von der Tribüne.

Kontroverse um Alexander Zverevs Auftippen: „Das bringt dich raus“

Wie schon im gesamten Turnier sorgte der topgesetzte Zverev mit seinem häufigen Auftippen des Balls erneut für Diskussionen. Shelton beklagte, dass Zverev vor seinen Aufschlägen sehr lange zur Vorbereitung brauche. Schiedsrichterin Marijana Veljović ermahnte den Hamburger daraufhin, sich etwas zu beeilen. „Sascha bounced den Ball so oft, das bringt dich raus“, kritisierte Sheltons Vater und Trainer Bryan während der Partie bei ESPN.

Alexander Zverev lässt sich von der Stimmung nicht beeindrucken

Zu Beginn war Shelton die Anspannung deutlich anzumerken. Mit einem Doppelfehler gab er gleich im ersten Spiel seinen Aufschlag ab. Nach einem gelungenen Volley des Publikumslieblings Mitte des ersten Satzes sprangen die Zuschauer jubelnd von ihren Sitzen. Zverev blieb davon jedoch unbeeindruckt. „Mir ist das egal“, hatte er vor dem Finale im größten Tennisstadion der Welt gesagt. „Ich bin es gewohnt, ich mag solche Atmosphären auch. Ich werde es auch irgendwo genießen.“

Zunächst konnte er das auch. Beim Satzball für Zverev leistete sich Shelton erneut einen Doppelfehler. Nach 40 Minuten ging der Hamburger zufrieden zu seiner Bank, während sein Vater und Trainer Alexander Zverev senior anerkennend nickte.

Freundinnen fehlen auf der Tribüne

Wie schon während des gesamten Turniers saß Zverevs Freundin Sophia Thomalla wegen eigener beruflicher Verpflichtungen nicht in seiner Box. Ungewohnterweise musste auch Shelton auf die Unterstützung seiner Partnerin Trinity Rodman verzichten. Die bestbezahlte Fußballerin der Welt stand zeitgleich selbst auf dem Platz.

Das Publikum versuchte weiterhin, Shelton anzutreiben, und applaudierte nun sogar, wenn Zverev den ersten Aufschlag verschlug. Der 1,98 Meter große Deutsche blieb jedoch stabil und ließ im zweiten Satz keinen Breakball zu. Wenn Zverev seinen ersten Aufschlag ins Feld brachte, gewann er zu mehr als 90 Prozent den Punkt.

Boris Becker: „Wenn’s zählt, spielt er sein bestes Tennis“

Im Tie-Break präsentierte sich Zverev hellwach. In langen Ballwechseln dominierte der Weltranglistenzweite seinen Gegner, führte schnell mit 5:0 und nutzte den Vorsprung souverän. „Wenn’s zählt, spielt er sein bestes Tennis, und immer wenn es eng ist, schafft er es, seine Leistungsstärke abzurufen“, sagte Becker als Experte bei sporteurope.tv.

Auch 2020 hatte Zverev gegen Thiem bereits mit 2:0 Sätzen geführt, diese Chance aber noch verspielt. Gegen Ende des dritten Durchgangs geriet er plötzlich wieder ins Wanken und musste sich drei Breakbällen stellen. Ein leichter Volleyfehler besiegelte den Satzgewinn Sheltons, der das Publikum noch einmal kräftig anheizte.

Zverev blieb unbeirrt und schaffte sofort im ersten Spiel das Break. Beim Stand von 2:1 erhielt er eine Verwarnung, weil er sich beim Aufschlag zu viel Zeit gelassen hatte. Die Zuschauer johlten, doch Zverev konnte sich erneut auf seine überragende Physis verlassen, Shelton zermürben und anschließend befreit jubeln.