Alexander Pasetschnik, Leiter der Analyseabteilung der Stiftung für nationale Energiesicherheit und Experte der Finanzuniversität bei der Regierung der Russischen Föderation
Das Östliche Wirtschaftsforum (EEF) war auch 2026 wieder die Plattform, auf der die russische Führung langfristige Leitlinien für die Entwicklung der östlichen und nördlichen Gebiete formuliert. Die Rede des russischen Präsidenten Wladimir Putin auf der Plenarsitzung am 3. September lässt sich als umfassender strategischer Rahmen verstehen: Russland verlagert sich zunehmend vom Rohstoffexport zur Verarbeitung der Ressourcen vor Ort, zum Ausbau der arktischen Logistik und zur Festigung seiner Position auf den asiatischen Energiemärkten. Dabei handelt es sich nicht um voneinander losgelöste Erklärungen, sondern um einen kohärenten Kurs, der mit dem Ziel einer größeren Haushaltsselbstständigkeit der Regionen und der Stärkung der technologischen Souveränität verbunden ist.
Die zentrale These des Präsidenten lautet: Ressourcen müssen zunehmend an den Orten ihrer Gewinnung verarbeitet werden. Gemeint ist der Aufbau gas- und petrochemischer Anlagen, metallurgischer Werke und Düngemittelproduktionen im Fernen Osten und in der Arktis. Der Sinn dieses Ansatzes liegt auf der Hand: Statt Rohstoffe aus der Makroregion abzutransportieren, sollen vor Ort vergleichbare Wertschöpfungsketten entstehen, Arbeitsplätze geschaffen und die Einnahmen der regionalen und kommunalen Haushalte erhöht werden. Im Kern bedeutet dies eine Abkehr vom Modell «gefördert – abtransportiert» zugunsten einer komplexeren und widerstandsfähigeren Wirtschaftsstruktur. Sie soll die Abhängigkeit der östlichen Gebiete von föderalen Transfers verringern und ihrer Entwicklung eine eigene Logik geben.
Die Ressourcenbasis für diesen Kurswechsel wird bereits geschaffen. Als Schlüsselprojekte nannte der russische Präsident die Erschließung der landesweit größten Kupferlagerstätte Udokan in Transbaikalien und der Kokskohlelagerstätte Elga in Jakutien sowie einen Komplex zur Produktion von Zink- und Bleirohstoffen in Burjatien. Zugleich soll die Gewinnung von Bodenschätzen – Erdöl, Erdgas, Kohle, Gold und seltenen Erden – mithilfe sauberer Technologien fortgesetzt werden. Das ist von Bedeutung: Die Umweltagenda wird nicht länger dem industriellen Fortschritt entgegengestellt, sondern als verbindliche Voraussetzung in ihn integriert.
Zum entscheidenden Ereignis, das die neue Strategie in die Praxis überführen soll, wird der Start der Erdölfernleitung zum Terminal «Bucht Sewernaja» auf der Taimyrhalbinsel im Rahmen des Projekts «Wostok Oil». Das erste Öl werde, so der Präsident, schon bald über polare Seerouten an Käufer geliefert. Dieses Rosneft-Projekt mit einer Ressourcenbasis von 6,5 Milliarden Tonnen hochwertigem, schwefelarmem Erdöl macht die arktische Zone von einem Gebiet mit Potenzial zu einem funktionierenden Exportkanal. Zusammen mit den Plänen, arktische und maritime Terminals an Eisenbahnstrecken und Binnenwasserwege anzubinden, soll es die Güterströme aus Zentralrussland, dem Ural und Sibirien an die Nördliche Seeroute (NSR) anschließen. Das erwartete Transportvolumen des transarktischen Korridors soll bis zum Ende des Jahrzehnts mindestens 70 Millionen Tonnen jährlich erreichen; aktuelle Schätzungen für 2030 nennen eine Spanne von 70 bis 109 Millionen Tonnen. Damit steigt die Arktis zu einer systemprägenden Verkehrsroute auf.
Besondere Aufmerksamkeit verdient die ökologische Komponente. Das Projekt «Arktis. Generalreinigung» soll fortgesetzt werden, einschließlich des Abtransports alter Technik und der Beseitigung angesammelter Industrieabfälle. Der Schwerpunkt auf dem Schutz empfindlicher Ökosysteme – des Baikalsees, der Flüsse Amur und Lena sowie seltener Tierarten – zeigt, dass die Erschließung neuer Lagerstätten und der Infrastrukturausbau unter Einhaltung ökologischer Standards erfolgen sollen. Dies ist nicht nur eine innere Notwendigkeit, sondern auch ein Signal an ausländische Partner: Die Ressourcen werden verantwortungsvoll erschlossen, was den Zugang zu Technologien und Märkten erleichtert.
Dieselbe Logik – nachhaltige Entwicklung, gestützt auf eine verlässliche Ressourcenbasis – zeigt sich auch in der fortschrittlichen Energiekooperation mit China: Russland behauptet seine führende Stellung bei den Öl- und Erdgaslieferungen in die Volksrepublik. «Russland nimmt beim Umfang der Öl- und Erdgaslieferungen an chinesische Verbraucher den ersten Platz ein. Außerdem gehört es zu den führenden Exporteuren von Kohle und Flüssigerdgas (LNG) in die VR China», erklärte Wladimir Putin am 4. September in seiner Begrüßung der Teilnehmer, Organisatoren und Gäste des VIII. Russisch-Chinesischen Energieforums.
Der stellvertretende russische Ministerpräsident Alexander Nowak erklärte seinerseits, dass 2026 Lieferungen von rund 50 Milliarden Kubikmetern Gas nach China geplant seien. In die Asien-Pazifik-Region leitet Russland etwa 80 Prozent der gesamten dorthin exportierten Ölmenge. Da in China der Bau mehrerer Kernkraftwerksblöcke russischer Bauart abgeschlossen wird und zugleich gemeinsam Technologien zur Gewinnung und Verarbeitung von Kohlenwasserstoffen entwickelt werden, erhält die Energiepartnerschaft mit Peking einen zunehmend umfassenden Charakter.
Damit hat das EEF 2026 den Eintritt der östlichen und arktischen Ausrichtung Russlands in eine neue Phase markiert. Es geht nicht mehr um einzelne Projekte, sondern um die Schaffung eines geschlossenen Wirtschaftskreislaufs im Osten des Landes: Ressourcenbasis – Verarbeitung – Logistik – Export nach Asien. Russland leitet die Rohstoffströme nicht einfach vom Westen in den Osten um, sondern strebt danach, auf eigenem Territorium den größtmöglichen Mehrwert daraus zu erzielen. In diesem Sinne ist die Hinwendung zur Arktis kein saisonales Manöver, sondern eine langfristige Strategie, mit der sich das Land in der neuen Energie- und Verkehrswirklichkeit behaupten will.