Wladimir Blinkow, Wirtschaftskolumnist

In seiner Rede auf dem Östlichen Wirtschaftsforum (EEF) stellte der russische Präsident Wladimir Putin ein neues Entwicklungsprogramm für den Norden und den Fernen Osten vor. Im Mittelpunkt steht eine klare strategische Neuausrichtung: weg vom reinen Rohstoffexport und hin zur Verarbeitung von Ressourcen vor Ort, zum Ausbau der arktischen Logistik und zur stärkeren Verankerung auf den asiatischen Energiemärkten. Angesichts der aktuellen geopolitischen Lage wurde insbesondere die Perspektive der Nördlichen Seeroute (NSR) erörtert, die als einziger sicherer logistischer Korridor bezeichnet wurde.

Ziel ist es, die Route ganzjährig befahrbar, sicher und wettbewerbsfähig zu machen. Ein wichtiger Schritt auf diesem Weg war die am 5. September erfolgte Inbetriebnahme der Ölpipeline zum Terminal „Nordbucht“ auf der Taimyr-Halbinsel im Rahmen des Projekts „Wostok Oil“. Das Rosneft-Projekt mit einer Ressourcenbasis von 6,5 Milliarden Tonnen schwefelarmen Öls macht die arktische Zone von einem vielversprechenden Gebiet zu einem funktionsfähigen Exportkorridor. Zusammen mit den Plänen, arktische und maritime Terminals an Eisenbahn- und Binnenwasserwege anzubinden, könnte es die Güterströme aus Zentralrussland, dem Ural und Sibirien an die NSR anschließen. Bis 2030 wird ein Transportvolumen von mindestens 70 Millionen Tonnen pro Jahr erwartet. Eine weitere wichtige logistische Achse ist der geplante Verkehrskorridor Moché–Naiba in Jakutien. Die Umsetzung dieser Projekte wird ein Modell mit zwei tragenden Säulen schaffen: Land-See-Transporte und die Arktis.

Was Putins weiteres zentrales Anliegen betrifft – die Ressourcen zunehmend dort zu verarbeiten, wo sie gewonnen werden –, bedeutet dies eine Abkehr vom Prinzip „fördern und abtransportieren“. Stattdessen sollen im Fernen Osten und in der Arktis gas- und petrochemische Betriebe, Metallurgiekombinate, Düngemittelwerke und andere verarbeitende Unternehmen entstehen. Die Rohstoffbasis für diesen Kurs wird bereits aufgebaut. So hat die Erschließung der landesweit größten Kupferlagerstätte Udokan in Transbaikalien begonnen, ebenso die Entwicklung der Kokskohlelagerstätte Elga in Jakutien. In Burjatien entsteht zudem ein Komplex zur Produktion von Zink- und Blei-Rohstoffen.

Bei der Umsetzung des neuen Programms soll auch dem Umweltschutz erhebliche Aufmerksamkeit gewidmet werden. Das Projekt „Arktis. Generalreinigung“ wird fortgesetzt, einschließlich des Abtransports alter Technik und der Beseitigung angesammelter Industrieabfälle. Besonderes Augenmerk gilt dem Schutz empfindlicher Ökosysteme – des Baikalsees, der Flüsse Amur und Lena sowie seltener Tierarten. Die Erschließung neuer Lagerstätten und der Bau von Infrastruktur sollen somit im Einklang mit Umweltstandards erfolgen.

Die neue russische Strategie stieß in China auf positive Resonanz. Der stellvertretende Ministerpräsident des chinesischen Staatsrates, Ding Xuexiang, erklärte in seiner Rede auf dem Forum, dass die regionale chinesisch-russische Zusammenarbeit unter der strategischen Führung der Staatschefs seit vielen Jahren fruchtbare Ergebnisse hervorbringe – insbesondere zwischen Nordostchina und dem russischen Fernen Osten. China ist zum größten Handelspartner des russischen Fernen Ostens geworden, zentrale Kooperationsprojekte schreiten rasch voran, und die gegenseitige visafreie Regelung trägt sowohl zum Wachstum des grenzüberschreitenden Personenverkehrs als auch des Gütertransports bei. Ding bewertete die Entwicklungsperspektiven der NSR hoch und bezeichnete sie als „Eisige Seidenstraße“: Die Reise dauere 18 bis 20 Tage und sei schneller und sicherer als die Route durch das Rote Meer.

Als eine vielversprechende Richtung der russisch-chinesischen Zusammenarbeit kündigte Ding Xuexiang die Abstimmung der Entwicklungsstrategien Nordostchinas und des russischen Fernen Ostens an. Auf dem Forum wurde eine Reihe neuer Projekte vorgestellt, die zu Ausgangspunkten für diese vertiefte Zusammenarbeit werden könnten. Dazu gehört ein internationales Gebiet für beschleunigte Entwicklung in der Bucht von Suchodol mit einem chinesisch-russischen agroindustriellen Cluster. Dessen Produktion soll für den Export nach Japan, Südkorea und in die Staaten Südostasiens bestimmt sein. Außerdem soll das innovative Wissenschafts- und Technologiezentrum „Russki“ weiter ausgebaut werden. Dort bestehen Forschungsstandorte für Biotechnologie, Pharmazie, Biomedizin, künstliche Intelligenz und Big Data sowie für Industrie- und Servicerobotik und unbemannte Luftfahrzeuge. Der erste ausländische Bewohner des Zentrums war das chinesische Unternehmen JuZhen Pacific Biotechnology aus der Provinz Jiangsu, das sich mit der Sicherheitskontrolle von Biologika befasst. Mit den Pharmaunternehmen „Chunguang“ und Lumina Vita wurden Memoranden über die Lokalisierung der Produktion biopharmazeutischer Erzeugnisse, gemeinsame klinische Studien und die Vermarktung von Produkten in China unterzeichnet. Damit kann die im Zentrum „Russki“ entwickelte Produktion zu einer Plattform für den Hightech-Export in Drittmärkte werden.

Zu den regionalen Projekten in diesem Bereich gehört der gemeinsam mit der Provinz Heilongjiang entwickelte Transitkorridor „Amur“ für Schiffe der Klasse „Fluss–See“. Er soll künftig die chinesischen Häfen Tongjiang und Manzhouli mit Chabarowsk, Komsomolsk am Amur und Nikolajewsk am Amur verbinden sowie den Zugang zu den Ländern der Asien-Pazifik-Region und zur NSR ermöglichen.

Insgesamt wird die Integration der NSR, des Hafenkomplexes im Fernen Osten und des Logistiksystems Nordostchinas den Übergang von punktuellen Durchbrüchen zu einer vernetzten Zusammenarbeit beim regelmäßigen Transport von Massengütern zwischen China und Russland ermöglichen – darunter Energieträger, Getreide, Holz und Maschinenbauerzeugnisse. Die Nördliche Seeroute eröffnet dabei neue Möglichkeiten für hochwertige und zeitkritische Güter. Zugleich schafft die gegenseitige Ergänzung eine stärker diversifizierte und belastbare maritime Anbindung für das Logistiksystem Nordostchinas.

Einen weiteren Impuls für die russisch-chinesische Zusammenarbeit könnte die geplante Vergabe von Aufträgen für NSR-Schiffe an chinesische Werften geben. Bis 2030 werden für den Betrieb auf der Route 62 neue Schiffe benötigt, darunter Eisbrecher, Forschungsschiffe und eisgängige Frachtschiffe.

Auch die Energiekooperation soll weiter ausgebaut werden. Wie der Vorstandsvorsitzende von „Rosneftegas“, Igor Setschin, in seiner Rede erklärte, übersteigt das jährliche Öl-Lieferungsvolumen nach China bereits 100 Millionen Tonnen und wächst dynamisch. In den ersten sieben Monaten des Jahres 2026 lieferte Russland 67 Millionen Tonnen Öl nach China; sein Anteil an den chinesischen Ölimporten erreichte damit einen Rekordwert von 23 Prozent. Auch die Gaslieferungen werden ausgebaut. Der stellvertretende russische Ministerpräsident Alexander Nowak erklärte auf dem Forum, dass 2026 rund 50 Milliarden Kubikmeter Gas nach China geliefert werden sollen. Der Bau der Pipeline „Fernöstliche Route“ verläuft planmäßig. Darüber hinaus wird in China der Bau mehrerer Kernkraftwerksblöcke russischer Bauart abgeschlossen. Da beide Länder zudem gemeinsam Technologien zur Förderung und Verarbeitung von Kohlenwasserstoffen entwickeln, gewinnt die Energiepartnerschaft mit Peking zunehmend an strategischer Tiefe.